Die folgende Anleitung zum Zazen und Kinhin ist zitiert aus: Taisen Deshimaru-Rôshi: "Za-Zen / Die Praxis des Zen", Kristkeitz Verlag 1978 (siehe http://www.kristkeitz.de/)

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Kristkeitz-Verlages.

Die Praxis von Zen ist das Geheimnis des Zen

Zazen ist schwierig, ich weiß es. Aber wenn man täglich übt, ist das sehr wirkungsvoll für die Erweiterung des Bewusstseins und die Entwicklung der Intuition.

Zazen setzt nicht nur große Energie frei, sondern ist eine Haltung der Erleuchtung. Während man übt, darf man nichts erreichen wollen. Drei Punkte sind wesentlich, grundlegend: Die Konzentration auf die Körperhaltung, die Atmung, die geistige Haltung.

Die Haltung

Man sitzt auf der Mitte des Zafu (rundes Kissen) und kreuzt die Beine im Lotus oder Halblotus. Wenn beides nicht möglich ist und man die Beine nur kreuzt, ohne einen Fuß auf den gegenüberliegenden Oberschenkel zu legen, so muß man nichtsdestoweniger beide Knie fest auf den Boden drücken. In der Lotusstellung drücken die Füße auf jedem Oberschenkel auf Zonen mit wichtigen Akupunkturpunkten, die den Leber-, Blasen-, und Nierenmeridian stimulieren. Früher haben die Samurai diese Energiezentren automatisch durch den Druck der Schenkel auf das Pferd angeregt.

Das Becken ist ab der Höhe des fünften Lendenwirbels nach vorn geneigt, die Wirbelsäule gut gewölbt, der Rücken gerade, man drückt die Erde mit den Knien und den Himmel mit dem Kopf. Das Kinn ist zurückgezogen und so der Nacken ganz gerade, der Bauch entspannt und die Nase senkrecht über dem Nabel. So ist man wie ein gespannter Bogen mit dem Geist als Pfeil.

Nachdem man diese Haltung eingenommen hat, legt man die Fäuste (Daumen innen) auf die Schenkel in der Nähe der Knie und balanciert den Rücken ganz gerade aus, sieben, acht Mal nach links und rechts, indem man die Bewegung jedes Mal etwas reduziert, bis man das Gleichgewicht in der Senkrechten gefunden hat. Anschließend grüßt man mit Gasshō, das heißt, man legt beide Handflächen vor dem Körper in der Höhe der Schultern zusammen, wobei die gebeugten Arme in einer waagerechten Linie bleiben.

Man muss jetzt nur noch die Hände - die linke in der rechten, Handflächen nach oben gewendet - an den Unterbauch legen. Die Daumen berühren sich mit ihren Spitzen und werden unter leichter Spannung gerade gehalten. Sie bilden weder Berg noch Tal.

Die Schultern fallen natürlich nach unten, so als wären sie zurückgezogen und nach hinten geworfen. Die Zungenspitze berührt den Gaumen. Der Blick richtet sich von selbst ungefähr einen Meter vor dem eigenen Körper auf den Boden. In Wirklichkeit geht er aber nach innen. Die halb geschlossenen Augen betrachten nichts - selbst wenn man intuitiv alles sieht!

Die Atmung

Die Atmung spielt eine ganz wesentliche Rolle. Jedes Lebewesen atmet. Im Anfang ist der Atem. Die Zen-Atmung ist mit keiner anderen vergleichbar. Sie zielt in erster Linie darauf, einen langsamen, kraftvollen und natürlichen Rhythmus zu schaffen. Wenn man sich auf ein geschmeidiges, langes und tiefes Ausatmen konzentriert und die Aufmerksamkeit auf die Haltung lenkt, geschieht das Einatmen auf ganz natürliche Weise. Die Luft wird langsam und leise ausgestoßen, während der durch das Ausatmen hervorgerufene Druck kraftvoll in den Bauch hinabsteigt. Man drückt auf die Eingeweide und bewirkt so eine heilsame Massage der inneren Organe. Die Zen—Meister vergleichen die Zen-Atmung mit dem Muhen einer Kuh oder dem Ausatmen eines Babys, das gleich nach der Geburt schreit. Dieses Atmen ist das Om, der Samen, es ist das Pneuma, die Quelle allen Lebens.

Die Haltung des Geistes

Die richtige Atmung kann nur aus einer korrekten Haltung hervorgehen. Gleichermaßen ergibt sich die Haltung des Geistes auf natürliche Weise aus der tiefen Konzentration auf die Körperhaltung und die Atmung. Wer Atem hat, lebt lang, intensiv und glücklich. Die Übung des richtigen Atmens erlaubt es, alle nervlichen Belastungen auszugleichen, Instinkte und Leidenschaften zu meistern und die geistige Aktivität zu kontrollieren.

Der Blutkreislauf im Gehirn wird in bemerkenswerter Weise verbessert. Die Gehirnrinde erholt sich und der bewusste Gedankenfluss hält inne, während das Blut die tiefen Schichten durchdringt. Derart besser versorgt, erwachen sie aus ihrem Halbschlaf und ihre neue Aktivität bewirkt ein Gefühl von Wohlbefinden, Heiterkeit und Ruhe, ähnlich wie im tiefen Schlaf, und doch ganz und gar wach.

Das Nervensystem ist entspannt, das Stammhirn - Thalamus und Hypothalamus - in voller Aktivität. Man ist durch jede einzelne Zelle des Körpers hindurch in höchstem Grad aufnahmefähig und aufmerksam. Man denkt unbewusst mit dem ganzen Körper, jede Dualität, alle Gegensätze sind überwunden, ohne dass man dazu Energie aufbringen müsste. Die so genannten primitiven Völker haben sich die tiefen Schichten des Gehirns sehr aktiv erhalten. Indem wir unsere Art von Zivilisation entwickelt haben, haben wir zwar den Intellekt geschult, verfeinert und verkompliziert, jedoch die mit dem inneren Kern des Gehirns verbundene Kraft, Intuition und Weisheit vergessen. Gerade aus diesem Grund ist Zen ein unschätzbarer Wert für den Menschen von heute, zumindest für denjenigen, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören.  Durch die regelmäßige Übung von Zazen wird ihm die Chance gegeben ein neuer Mensch zu werden und zum Ursprung des Lebens zurückzukehren. Er kann die Existenz an der Wurzel packen und so den normalen Zustand von Körper und Geist wiedererlangen.

Beim Sitzen in Zazen lässt man die Bilder, die Gedanken und alle geistigen  Gebilde, die aus dem Unbewussten auftauchen, vorbeiziehen wie Wolken am Himmel - ohne sich ihnen zu widersetzen, ohne sich an sie zu klammern. Wie Schatten vor einem Spiegel zieht alles vorbei, was aus dem Unterbewussten ausströmt‚ kehrt zurück und zerrinnt schließlich. So gelangt man zum tiefen Unbewussten, das ohne Gedanken ist, jenseits allen Denkens (Hishiryō) wahre Reinheit. Zen ist sehr einfach und gleichzeitig recht schwer zu verstehen. Es ist dies eine Sache der Anstrengung und der Wiederholung - wie das Leben. Wenn beim Sitzen - ohne Umschweife, ohne Zweck und Profitstreben - eure Haltung, Atmung und Geisteshaltung in Harmonie sind, dann versteht ihr das wahre Zen, dann begreift ihr die Buddhanatur.

Kin-hin

Im Dōjō werden die vier grundlegenden Haltungen des Körpers gelehrt: wie man steht, wie man läuft, wie man sitzt, wie man liegt. Das sind die ursprünglichen Haltungen. Diejenigen, die wir normalerweise einnehmen, oder besser die Haltungen, zu denen wir uns gehen lassen, sind in der Mehrzahl der Fälle nur zerbrochene Haltungen.

Die Haltung beim Stehen und Laufen ist sehr wichtig. Man bezeichnet sie mit kinhin. Der berühmte Choreograf Maurice Béjart hat in ihr den Ursprung der Schritte und Stellungen wieder erkannt, die auch im klassischen europäischen Ballett gelehrt werden.

Die Haltung ist die Folgende:

Man steht aufrecht, die Wirbelsäule ist ganz gerade, das Kinn zurückgezogen, der Nacken gestreckt, der Blick drei Meter vor den eigenen Körper nach unten gerichtet, das heißt etwa in Höhe der Taille des Vorangehenden, wenn man im »Gänsemarsch« läuft. Die linke Faust umschließt ihren Daumen und liegt auf der Knorpelplatte über dem Solar Plexus. Die rechte Hand umfasst die linke Faust und beide werden beim Ausatmen fest aneinander und gegen das Brustbein gedrückt. Die Ellbogen sind nach außen gerichtet und die Unterarme werden in der waagerechten gehalten; die Schultern sind locker und nach hinten geworfen.

Zu Beginn des Ausatmens setzt man den rechten Fuß einen halben Schritt nach vorn und drückt mit der Fußsohle, genauer mit der Wurzel der großen Zehe, kraftvoll auf den Boden, so als wollte man eine Spur im Boden hinterlassen. Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen diesem Teil des Fußes und dem Gehirn, und es ist wohltuend, den Kontakt mit dem Boden zu spüren.

Wenn nun das Knie gut gestreckt wird, befindet sich das Bein und die ganze rechte Körperseite vom Scheitel bis in die Fußspitzen in Spannung. Das andere Bein und die andere Körperseite bleiben locker und entspannt. Gleichzeitig atmet man durch die Nase tief, langsam und so lange wie möglich aus, doch ohne Zwang und lautlos. Danach hält man kurz inne, entspannt den ganzen Körper, und das Einatmen geschieht von allein, automatisch und frei.

Zu Beginn des nächsten Ausatmens verlagert man den Druck auf den linken Fuß, lässt das rechte Bein locker und der ganze Vorgang beginnt von neuem.

Dieses Laufen ist rhythmisch, wie das einer Ente, wobei Spannung und Entspannung, starke und schwache Phasen, abwechseln. Die Zen-Meister sagen man müsse sich wie ein Tiger im Wald, wie ein Drache im Meer vorwärts bewegen.

Der Druck des Fußes ist sicher und lautlos wie der Schritt eines Diebes!

Während des Laufens darf man den anderen nicht ins Gesicht schauen. Der Blick ist nach innen gerichtet, so als wäre man mit sich selbst allein. Wie auch beim Zazen lässt man die Gedanken vorbei ziehen. Kinhin entspannt vom Sitzen in Zazen. Im Verlauf eines sesshin-Tages wechseln Zazen und Kinhin immer ab. Körper und Geist finden sowohl ihre Einheit wieder als auch eine bemerkenswerte Widerstandskraft und Dynamik.

Kinhin ist wie Zazen eine Methode tiefer Konzentration.  Die Energie wird durch den Druck des Ausatmens im Unterbauch gesammelt, wo sie wahrhaft aktiv ist. Dies ist die Einübung der Stabilität der Energie, die Sammlung und Konzentration der Energie im hara und damit die Basis der japanischen Kampfkünste (Budō). Sie wird sowohl im Jūdō als auch im Karate, Aikidō, Kyūdō (Bogenschießen) usw. gelehrt.

Heutzutage neigt man dazu, diesen Einfluss der Haltung in der Übung der Kampfkünste zu vergessen. Man will Stärke durch die bloße Technik erlangen. Dō, wie in Jūdō oder Aikidō, bedeutet WEG. Die Kampfkünste sind weder Wettkampf noch Kampfsport, sondern eine Methode, die Meisterschaft über sich selbst zu erreichen, die Kontrolle der Energie in der Aufgabe des Egos und die Vereinigung mit der Ordnung des Universums. Das Bewusstsein trainieren bedeutet: man schießt den Pfeil nicht ab, sondern der Pfeil löst sich in genau dem Augenblick, in dem man unbewusst bereit ist und sich von sich selbst befreit hat.